posthuman Gender Studies Research Group

Arbeitsgruppe posthumane geschlechterstudien

posthuman   gender studies research group

about

Die feministische Theorietradition der zweiten Frauenbewegung der 60er- und 70er-Jahre mit ihrer tendenziell binär-hierarchischen Konzeption von Geschlecht problematisierte zum einen den konkreten Ausschluss von Frauen aus der Sphäre der Öffentlichkeit, zum anderen machte sie den symbolischen Ausschluss einer ‚weiblichen Alterität‘ in der patriarchalen Gesellschaftsordnung zum Thema. Diese Konzeption spiegelt(e) sich mitunter im politischen Bestreben, weibliche Agentinnen in Kunst und Gesellschaft als Repräsentantinnen von (Handlungs-)Macht aufzufinden bzw. diese mit (Handlungs-)Macht auszustatten. An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert wurde die binäre Konzeption von Geschlecht von mehreren kultur- und gendertheoretischen Positionen verabschiedet: Der feministische Dekonstruktivismus und die aus ihm resultierenden Postcolonial Studies, die jegliche Subjektpositionen aufzulösen suchen, begreifen selbst das biologische Geschlecht als spracherzeugte Konstruktion, die in performativen Akten ständig neu hervorgebracht wird (Butler). Für den Neomaterialismus hingegen erweisen sich solche Diskurstheorien nunmehr als unzureichend, um das Zusammenspiel sinnhaft-symbolischer Prozesse und materieller Ordnungen zu erklären. Angesichts von global-wirtschaftlichen Prozessen, technologischer Innovation und digitaler Vernetzung im Informations- und Kommunikationszeitalter wird das Konzept eines posthumanen Subjekts (Braidotti) vorgeschlagen, das mit anderen Subjekten (menschlichen und nichtmenschlichen Akteur*innen) – Menschen, Tieren, Dingen – in enthierarchisierten Netzwerken intraagiert (Haraway, Latour, Barad). Posthumanistische Theorien stellen im Allgemeinen nicht nur die Stabilität des individuierten, liberalen Ichs in Frage, sondern lenken die Aufmerksamkeit auch auf Materialisierungsweisen des späten Kapitalismus wie etwa den Klimawandel oder die Digitalisierung. Im Projekt wird die Frage gestellt, wie die Kategorie Geschlecht unter ‚posthumanistischen‘ Bedingungen neu verhandelt wird. Gegenstand der Untersuchung sind dabei

  1. der gendertheoretische Diskurs selbst: So sollen die (vermeintlich) konkurrierenden Theoriemodelle des Dekonstruktivismus bzw. der Postcolonial Studies auf der einen und die Zugänge des New Materialism auf der anderen Seite einer Revision unterzogen werden und ein analytisches Instrumentarium entwickelt werden, das geeignet ist, ‚Geschlecht‘ im Zusammenspiel von sinnhaft-symbolischen Prozessen und materiellen Ordnungen zu erfassen;
  2. jene Repräsentationen von Geschlecht, die unter Bedingungen des Posthumanismus in literarisch-künstlerischen und (alltags-)kulturellen Hervorbringungen entstehen. Dabei wird gerade Kunst als eine Erkenntnisform begriffen, die wissenschaftliche oder alltägliche Erkenntnis überbietet.

conference

Gender revisited. Verhandlungen von Geschlecht im Zeitalter des Posthumanismus

Internationale Konferenz an der Karl-Franzens-Universität Graz

9.12.-12.12.2020

9.12.-12-12.2020, Konferenz, Karl-Franzens-Universität Graz

Gender revisited. Verhandlungen von Geschlecht im Zeitalter des Posthumanismus

Was ist ‚der Mensch‘ ? Was bedeuten die Begriffe ‚Mensch‘ oder ‚menschlich-Sein‘ im Zeitalter schneller bio- und kommunikationstechnologischer, wissenschaftlicher, kultureller und sozialer Entwicklungen, die unser Alltagsleben zusehends beeinflussen? Ist die Kategorie des ‚Humanen‘ angesichts der Verwischung traditioneller Oppositionsbildungen, wie etwa Mensch/Tier, Organismus/Maschine, Natur/Kultur, noch haltbar? Welche Rolle spielen die genannten Entwicklungen für die feministische Theoriebildung im 21. Jahrhundert, nicht zuletzt im Hinblick auf die ethischen, philosophischen, kulturellen und künstlerischen Fragen, die mit diesen einhergehen?

Neben der Infragestellung von humanistisch-epistemologischen Kategorien, die bis heute westliche Gesellschaften und deren Wissensproduktion maßgeblich prägen, zweifelt der kritische Posthumanismus moderne Wissens- und Fortschrittsmodelle wie etwa das human enhancement (mentale, genetische/pränatale Eingriffe) oder Visionen einer ‚artifiziellen Superintelligenz‘ an. Die Entwicklung und Anwendung neuer technischer Strategien sei oft reiner Fortschrittseuphorie geschuldet, die politische und gesellschaftliche Konsequenzen ausblende. Umgekehrt werde durch die Technik und ihre Anwendungen die Möglichkeit eines Ausbruchs aus konventionellen vergeschlechtlichten Dichotomien neu vorstellbar.

Als Überschneidungspunkte zwischen einem Neuzeitlichen Humanismus und aktuellen transhumanistischen Strömungen zeigen sich sowohl ein ausgeprägter Anthropozentrismus (Mensch als ‚Maß aller Dinge‘) als auch tendenzielle Körperfeindlichkeit. Für Vertreter*innen des kritischen Posthumanismus verbergen sich dahinter patriarchale Unterwerfungsstrategien, zumal die chaotische Materie bzw. Körperlichkeit im traditionell-binären Diskurs als ‚weiblich‘ gilt. Diese machtkritische Erkenntnisperspektive teilt der kritische Posthumanismus mit theoretischen Zugängen der Gender- und Queer Studies, sowie der Postcolonial Studies, die sich an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert herausgebildet haben. Diese konstatieren die Verwobenheit und wechselseitige Beeinflussung vielfältiger Strukturen von Differenz und Ungleichheit bzw. Privilegierung mit dem Ziel, emanzipatorische Strategien entwickeln zu können.

Im Posthumanismus dagegen stellt sich neben die Macht des Diskurses die aktive Handlungsmacht der (menschlichen und nicht-menschlichen) Materie. Die Idee einer Neuerfindung der Natur zeichnet etwa Donna Haraway in ihrem bahnbrechenden Text Ein Manifest für Cyborgs: Angesichts neuer Kommunikations- und Biotechnologien könne das gesamte gesellschaftliche Netz, wie in etwa Haushalt, Arbeitsplatz, Markt, öffentliche Sphäre als auch der Körper in nahezu unbegrenzter, vielgestaltiger Weise aufgelöst werden. Das umfassende Aufgehen der Welt in Kodierungspraktiken mache eine monströse Welt ohne Gender denkbar.

Im Rahmen des Symposiums soll die Frage gestellt werden, wie ‚Geschlecht‘ unter ‚posthumanistischen‘ Bedingungen (neu) verhandelt wird. Erwünscht sind sowohl exemplarische Fallstudien sowie theoretisch ausgerichtete Beiträge. Vorschläge u. a. zu den folgenden Komplexen, die gerne um weitere ergänzt werden können, sind denkbar:

  • Welchen Stellenwert nehmen kritisch-posthumanistische Theorien, vor allem im Hinblick auf Geschlechterthemen in diversen Disziplinen oder Forschungsfeldern ein?
  • Wie wird die ‚condition posthumaine‘ im gendertheoretischen Diskurs (vermeintlich) konkurrierender Theoriemodelle des Dekonstruktion bzw. der Postcolonial Studies auf der einen und des New Materialism auf der anderen Seite verhandelt?
  • In der ästhetischen Theorie wird Kunst als eine Erkenntnisform begriffen, die wissenschaftliche oder alltägliche Erkenntnis überbietet. Welche ‚Repräsentationen‘ von Geschlecht entstehen unter Bedingungen des Posthumanismus in literarisch-künstlerischen und (alltags-)kulturellen Akten?
  • Inwiefern lenkt gerade das Interesse an einer vitalen Kraft der Materie, das in Theorien des kritischen Posthumanismus verankert ist (z. B. Braidotti), die Aufmerksamkeit auf vergeschlechtlichte Materialisierungsweisen des späten Kapitalismus sowie des Klimawandels?
  • Welche gesellschafts- und gleichstellungspolitischen Konsequenzen ergeben sich aus posthumanen Theorien?

team

 

  • Assoz. Prof.in Mag.a. Dr.in   Hildegard Kernmayer
  • Assoz. Prof.in Mag.a Dr.in
    Anna Babka
  • Marietta Schmutz, MA
  • Mag.a Jasmin Doubek
  • Mag.a Julia Lingl

 

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