Braidotti, Rosi: Posthumanismus [ger, kommentiert MS]

Braidotti, R. (2014). Posthumanismus: Leben jenseits des Menschen (T. Laugstien, Trans.). Campus Verlag.

Kommentiert von Marietta Schmutz

Braidotti analysiert in dieser Abhandlung die „posthumane[] Situation“ (8) und nähert sich der Aufgabe, adäquate Vorstellungen und theoretische Darstellungsweisen für zukünftige Lebensbedingungen zu finden. 

Das erste Kapitel zeichnet zunächst ihren Weg zur antihumanistischen Tradition nach, die für Braidottis kritisch-posthumanes Denken einen zentralen Ausgangspunkt darstellt.  Die Wurzeln des AH identifiziert sie einerseits in den neuen sozialen Bewegungen und der politischen Jugendkultur der 60er und 70er Jahre (Feminismus, Entkolonisierung, Antirassismus, Friedensbewegung etc.) und andererseits im ‚Weckruf‘ der TheoretikerInnen dieser Generation, welche später weltweit als „PoststrukturalistInnen“ bekannt werden sollten: Mit dem verkündeten „Tod des Menschen“ (Michel Foucault) und durch die Dekonstruktion des humanistischen Subjektes (Jacques Derrida, Luce Irigaray) als universalistische, ‚männliche‘ Position wurde dem dialektischen Denkschema und somit dem sexualisierten, rassisierten oder naturalisierten ‚Othering‘ eine Absage erteilt. Braidottis kritischer Posthumanismus beinhaltet nicht nur das Ende traditioneller Gegensätze zugunsten einer „ontologische[n] Relationalität“ (105), sondern legt den Fokus auf die „produktiven Aspekte[] der posthumanen Verwicklung“ und die durch diese eröffneten „Perspektiven für affirmative Veränderungen der Subjektivierungsformen wie auch der Theorie- und Erkenntnisproduktion.“ (72) 

Im zweiten Kapitel beschreibt Braidotti, worin die posthumane Verwicklung im globalisierten Zusammenhang besteht, in der sich eine „Dezentrierung des Anthropozentrismus vollzieht.“ (64) Zunächst seien „alle Arten [und Dinge] unter dem Imperativ des Marktes vereint.“ (68) Mittels (digitaler) Kommunikations- und Überwachungstechnologien oder etwa Bio- und Gentechnologie profitiert der moderne Kapitalismus von der „Kontrolle und Vermarktung alles Lebendigen“. (65) Ausgehend von der monistischen Philosophie Spinozas und den Fortschritten der Molekularbiologie im Hinblick auf die Selbstorganisation der Materie entwickelt Braidotti demgegenüber eine nichtkommerzielle, vitalistische Auffassung alles Lebendigen (→ Neuer Materialismus), in der das Leben (Bíos) nicht mehr dem ‚Anthropos‘ vorbehalten bleibt, sondern sich auf animalisches und nichtmenschliches Leben (Zoé) ausweitet. Ein „zoézentrierter Egalitarismus“ (66) ist für Braidotti Ausgangspunkt für eine neue Vorstellung von Subjektivität, die nichtmenschliche Akteure (Tiere, Maschinen etc.) einschließt: sie hängt folglich nicht mit einem transzendentalen Bewusstsein zusammen und verabschiedet die traditionelle Dialektik der Anerkennung.  

In der negativen Utopie schaffe die condition posthumaine ein kosmopolitisches Band der Vulnerabilität – durch ökologische Krisen und Klimawandel, Visionen der Auslöschung der Menschheit und anderer Arten, Überhandnahme der Technik etc. In der von Braidotti „affirmierten“ Version der posthumanen Zukunft lebt das „nomadische Subjekt“ (191) im Bewusstsein permanenter Veränderung und befähigt sich zu allen möglichen Kommunikations- und Beziehungsweisen, die territoriale und ökologische Wechselbeziehungen einschließen. Das unaufhörliche Werden des posthumanen Subjektes bedeutet ein stetes „[H]erausfinden“ (müssen), das nach eine „Ethik des Experimentierens mit Intensitäten“ (193) verlangt – ohne dabei unkritischen (Technik-)Euphorien zu verfallen.

Ausgehend von der Frage, was das Inhumane der posthumanen Situation sei, widmet sich Braidotti im dritten Kapitel zunächst der sogenannten „Nekropolitik“, die – in Anlehnung an Foucault und Mbembe – als „Verwaltung des Todes“ (125) bezeichnet wird, bei der es um die verallgemeinerte Instrumentalisierung und materielle Zerstörung menschlicher und planetarischer Existenzen geht. Als Beispiele für die „Formen des Sterbens“ (114) heutzutage nennt sie etwa Gewalt gegen Minderheiten, Pandemien, Umweltzerstörung, Armut und vor allem posthumane Kriege, die angesichts moderner Militärtechnologien neue Gewaltpotenziale entfalten. Durch die Kartographierung der vielfältigen organisierten Sterbensformen im posthumanen Kontext versucht Braidotti nun, Untersuchungsinstrumente für eine affirmative Ethik zu liefern, die die Komplexität der Zeit anerkennt und „jenseits des ichbezogenen Menschen“ (136) angesiedelt ist: Ohne die Grausamkeit der Realität zu negieren, soll sich das Denken zu einer „Geste der Affirmation, der Hoffnung nach Dauer und Nachhaltigkeit, zu einem Denken immanenter Beziehungen und zeitgebundener Beständigkeit“ (137) wandeln. Nicht zuletzt schlägt Braidotti ein „vitalistisch-materialistisches Verständnis des Todes“ (133) vor, das den dialektischen Gegensatz von Eros und Thanatos zugunsten einer einzigen Lebenskraft aufhebt und das sie in ihr Konzept der Zoé als Selbsterhaltungs- und Auflösungsprinzip integriert. 

Um die Frage, wie das Posthumane die Wissenschaft, insbesondere die heutigen Geistes- und Humanwissenschaften beeinflusst und/oder bereichert, dreht sich das letzte Kapitel. Braidotti plädiert nach einer Abrechnung mit dem nicht mehr zeitgemäßen Wissenschaftsbegriff institutionalisierter Disziplinen und derer reglementierten und begrenzten Forschungspraxen für eine transdisziplinäre posthumane Methode, für die sie „neue[] Spielregeln“ (167) formuliert: Nomadisches Denken und die Praxis der „Verfremdung“ (170) sollen etwa von disziplinären Normvorstellungen (des Selbst) freimachen. Zuletzt müsse sich die heutige Universität vom neoliberalen Leistungsdruck freimachen und sich stattdessen mit dem „Raum der globalen Stadt“ (192) verbinden, in der sie verortet ist: Als globale „Multiversität“ (Wernick) kann sie im Sinne ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit auf diese Weise lokale Handlungsfähigkeit erlangen.

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